3. Das internationale und das deutsche Refuge

Geschichtlicher Überblick
1. Hugenotten: Begriff und Definition
2. Die Geschichte der Hugenotten in Frankreich
3. Das internationale und das deutsche Refuge
4. Die Deutsche Hugenotten-Gesellschaft

Weltweite Ausbreitung

Die reformierten Kantone der Schweiz, die Vereinigten Niederlande als "Arche des Refuge", Großbritannien, zahlreiche protestantische Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ja selbst Russland, Dänemark und Schweden nahmen in Europa hugenottische Glaubensflüchtlinge auf.

Und über die Mutterstaaten gelangten damals nicht wenige Glaubensflüchtlinge in die Kolonien. So kommt es, dass Hugenotten im Gebiet der heutigen USA, in Kanada und auch in Südafrika und Surinam eine neue Heimat fanden.

Noch heute erinnern die Namen zahlreicher südafrikanischer Weingüter am Kap der Guten Hoffnung an ihre hugenottischen Gründer. Und selbst in der osmanischen Stadt Konstantinopel gab es eine französisch-reformierte Gemeinde.

Aktuelle Schätzungen ordnen die hugenottischen Flüchtlinge folgenden heutigen Ländern zu:

Brandenburg-Preußenetwa 20.000
Niederlandeca. 50.000
Englandca. 40.000
Irlandca. 5.000
Deutschlandca. 38.000
Schweizca. 20.000
USAca. 2.000
Dänemark und Schwedenca. 1.500
Kanadaca. 800
Schottlandca. 400
Russlandca. 300
Südafrikaca. 200

Neue Heimat in Deutschland

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war zu der Zeit, da die Hugenotten ihre Heimat verließen, kein Zentralstaat wie beispielsweise Frankreich oder England. Im 17. und 18. Jahrhundert war Deutschland ein Konglomerat von über 300 souveränen Herzogtümern, Kurfürstentümern, weiteren weltlichen und geistlichen Fürstentümern, Grafschaften, Stiften und freien Reichsstädten etc.

Die Entscheidung über die Aufnahme von hugenottischen Glaubensflüchtlingen lag nicht in der Hand des katholischen deutschen Kaisers, sondern allein bei den souveränen Fürsten und freien Reichsstädten.

Die Rechtsgrundlage für die Ansiedlung stellten Edikte, Privilegien, Konzessionen oder Kapitulationen dar, die von 1554 bis 1732 datiert sind.

Das von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg am 29. Oktober 1685 (alter Zeitrechnung) unterschriebene Edikt von Potsdam ist das bekannteste Aufnahmeedikt innerhalb Deutschlands.

Dieses Edikt, zu dessen 300. Jubiläum die Deutsche Bundespost sogar eine Briefmarke herausgab, war zweifellos das Privileg mit der größten Folgewirkung hinsichtlich der Anzahl der Zuwanderer.

In vierzehn Artikeln regelte es nicht nur die kirchlich-religiösen, rechtlichen sowie wirtschaftlichen Vergünstigungen für die Réfugiés, sondern gab genaue Anweisungen für die Einreise in seine Länder und die damit verbundenen Unterstützungen.

Freilich war der brandenburgische Kurfürst nicht der erste Souverän, der ein Aufnahmeedikt für die französisch-reformierten Glaubensflüchtlinge erließ. So waren ihm der in Celle regierende Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg und der Landgraf Karl von Hessen-Kassel zuvorgekommen.

Hintergründe der Aufnahmewilligkeit

Wurde früher bei der Betrachtung der Aufnahme von Hugenotten oft einseitig die religiöse Motivation der einladenden Fürsten gegenüber den wirtschaftlichen Motiven überbetont, so ist das Pendel in der Hugenottenforschung des 20. Jahrhunderts zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen. Nun wurden vielfach ebenso einseitig primär die wirtschaftlichen Motive auf Kosten der religiösen Motive herausgestellt.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Denn bei aller berechtigten Kritik an der Überbetonung der religiösen Motive darf auch die religiöse Dimension, das christliche "Mitleiden, welches Wir [Friedrich Wilhelm] mit solchen Unsern, wegen des heiligen Evangelii und dessen reiner Lehre angefochtenen und bedrengten Glaubens-Genossen billig haben müssen" (Einleitung zum Potsdamer Edikt) nicht außer Acht gelassen werden. Erst recht nicht, wenn der einladende Fürst (wie es beim großen Kurfürsten der Fall ist) ebenfalls ein Anhänger der "Evangelisch-Reformierten Religion" war.

Religiöser Einfluss der Hugenotten in den Aufnahmeländern

Immer wieder wird unterstrichen, welchen bedeutenden Beitrag die Hugenotten zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung ihrer Aufnahmeländer geleistet haben. Dabei werden auch hier wiederum der Glaube und die Spiritualität dieser Menschen leider viel zu oft ausgeblendet, obwohl es sich um einen Personenkreis handelte, der um des Glaubens willen seine geliebte französische Heimat verlassen hat.

Aus hugenottischer Sicht war die damalige vom Papsttum geprägte katholische Lehre eine Irrlehre, die nicht mit dem von der Bibel geforderten christlichen Glauben in Einklang zu bringen war. Lieber ließen viele Hugenotten ihren "irdischen" Besitz in ihrer französischen Heimat zurück, als ihren "himmlischen" Besitz durch einen Wechsel zur katholischen Kirche zu verlieren.

Aber auch das Verhältnis von Lutheranern und Reformierten war häufig nicht frei von Spannungen. So warnte beispielsweise das lutherische geistliche Ministerium Lübecks angesichts der Ansiedlung von Hugenotten vor dem "calvinistischen Wolf", und unter dem 2. November 1696 findet sich im Hamburger Diakoniebuch der Französisch-reformierten Gemeinde der Eintrag: "Man hat uns verboten, hier in der Stadt zu predigen."

Angesichts des heutigen ökumenischen Miteinanders von Lutheranern, Reformierten und Katholiken dürfen wir diesen tiefen Glaubensgraben nicht übersehen, der damals vor allem Katholiken und Hugenotten trennte.

Nur wenn wir uns auch die religiöse Motivation ihres Handelns vor Augen führen, können wir die Kultur, das Denken und die Mentalität der hugenottischen Glaubensflüchtlinge verstehen.

Leider beobachte ich oft, dass sowohl in der historischen wie auch in der genealogischen Forschung diese religiösen Gesichtspunkte zu wenig Beachtung finden.

Ansiedlungsorte in Deutschland

Die deutsche Hugenottenforschung leidet sowohl innerhalb Deutschlands als auch in der internationalen Wahrnehmung unter einer Dominanz zweier Aufnahmeländer, die zusammen rund 65 % der Flüchtlinge aufnahmen.

Wenn das Wort Hugenotten in Verbindung mit Deutschland gebraucht wird, so denkt man unwillkürlich an Brandenburg-Preußen oder Hessen. Wer weiß schon, dass es beispielsweise auch in Glückstadt, Emden oder Lüneburg eigenständige Französisch-reformierte Gemeinden gab.

Vielerorts bilden gerade in Norddeutschland diese Hugenottengemeinden, die vielfach im 19. Jahrhundert mit den am Ort bestehenden Deutsch-reformierten Gemeinden vereinigt wurden die Wurzeln der heute noch bestehenden Evangelisch-reformierten Gemeinden.

Welche deutsche Territorien nahmen die Hugenotten auf und wie viele siedelten sich dort jeweils an? Von den rund 38.000 französisch-reformierten Glaubensflüchtlingen gingen nach:

Französisch-reformierte Glaubensflüchtlinge in Deutschland

Nach Deutschland kamen ca. 44.000 Hugenotten. Davon gingen nach:

Brandenburg-Preußenca. 18.000 (um 1700 war jeder fünfte Berliner ein Hugenotte)
Hessen-Kasselca. 3.800
Rhein-Main-Gebietca. 2.500
Kurpfalz mit Zweibrückenca. 3.400
Frankenca. 3.200
Württembergca. 2.400
Hansestädteca. 1.500
Niedersachsenca. 1.500
Baden-Durlachca. 500
Kursachsenca. 250

Andere zogen nach Baden-Durlach, Kursachsen (Leipzig und Dresden), in das Saarland (Ludweiler im Warndt), nach Thüringen, Mecklenburg, Anhalt, Lippe-Detmold, Danzig, Neuwied, Waldeck, ins Bergische Land usw.

Die deutsche Bevölkerung stand der Ansiedlung der Hugenotten, die mitunter als ungeliebte wirtschaftliche Konkurrenten angesehen wurden, häufig ablehnend gegenüber.

So wurden die Franzosen beispielsweise in Celle als "Nahrungsstöhrer" bezeichnet, und als in Magdeburg einmal drei Hugenottenhäuser in Flammen standen und einige deutsche Feuerwehrleute den Brand löschen wollten, wurden im Volk Stimmen laut, die sagten "Lasset die Franzosen brennen!"

Doch möchte ich an dieser Stelle betonen, dass nicht alle Franzosen, die sich damals in Deutschland niederließen, Hugenotten waren. Das ist bei der genealogischen Forschung zu beachten.

Französische Familiennamen und Genealogie

Längst nicht jeder Träger eines französischen Familiennamens ist automatisch ein Nachkomme von französisch-reformierten Glaubensflüchtlingen. Beispielsweise ist der ehemalige saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine im Gegensatz zu dem ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten der DDR Lothar de Maizière kein Hugenottennachkomme.

Dass reformierte wie auch katholische Soldaten über Landesgrenzen hinweg den Kriegsherrn wechselten war im 17. Jahrhundert in Europa die Regel. "Der Degen war damals gerade so vaterlandslos wie die Künste" , stellt Henri Tollin zu Recht fest.

Und Franzosen, die sich in dezidiert katholischen Territorien niederließen und deren Namen sogar in katholischen Kirchenbüchern auftauchen, waren natürlich keine Hugenotten.

Und selbst hier im protestantischen Norden Deutschlands lebten mitunter französische Reformierte und französische Katholiken durchaus friedvoll nebeneinander, wie es das Beispiel des Celler Hofs belegt. Dort gehörten rund 90 Hugenotten zum Hofstaat Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg und seiner Frau, der Hugenottin Eléonore Desmier d’Olbreuse.

Doch sämtliche französischen Schauspieler, Tanzmeister, Köche, ja sogar einige Offiziere, Gärtner, Lakaien und selbst der Kammerdiener der hugenottischen Herzogin waren französische Katholiken.

Ferner ist bei der Erforschung der Familiengeschichte zu beachten, wann die Vorfahren nach Deutschland eingewandert sind. Auch im Zuge der Französischen Revolution flüchteten zahlreiche Franzosen nach Deutschland. Diese werden jedoch nicht als Réfugiés, sondern – wie die aus Salzburg geflohenen Lutheraner – als Emigranten bezeichnet. Deren Nachkommen sind naturgemäß keine Hugenottennachkommen.

Assimilation der französisch-reformierten Gemeinden

Die Assimilation der Hugenottennachkommen im deutschen Refuge verstärkte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Vielerorts wurden die französisch-reformierten Gemeinden häufig mit den am Ort vorhandenen Deutsch-reformierten Gemeinden zusammengeführt.

Mancherorts, wie z. B. in Hameln im Jahr 1853, erlosch der nur noch glimmende Docht der Hugenottengemeinde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts büßten auch die französisch-reformierten Gemeinden Preußens ihre rechtliche Sonderstellung ein.

Auch in Hessen wurden die französischsprachigen Gottesdienste mit Ausnahme von Friedrichsdorf im Taunus und Louisendorf zugunsten deutschsprachiger Predigten aufgegeben. Die Sprache und Lebensweise der Vorfahren war den nachwachsenden Generationen weitgehend fremd geworden.

Doch auch heutzutage existieren immer noch Kirchengemeinden, die sich – trotz zumeist deutschsprachiger Gottesdienste – ganz bewusst als französisch-reformierte Gemeinden verstehen, so z. B. in Hessen die Evangelische Französisch-Reformierte Gemeinde Frankfurt und die Französisch-Reformierte Gemeinde Offenbach.

Auch in der unierten Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz finden sich Kirchengemeinden, die sich des französisch-reformierten Erbes verpflichtet fühlen, so die:

  • Französische Kirche zu Berlin
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Potsdam
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Groß Ziethen
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Klein Ziethen
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Senftenhütte
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Prenzlau
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Schwedt/Oder und Umgebung
  • Französisch-Reformierte Gemeinde Bergholz und Umgebung

Und in der hessischen Stadt Hanau existiert bis heute die reformierte Wallonisch-Niederländische Gemeinde.

In den zur Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gehörenden ehemaligen Hugenottengemeinden, wo bis heute zwar wunderschöne Hugenottenkirchen erhalten geblieben sind, ist jedoch das reformierte Erbe weitgehend verloren gegangen.

Dagegen sind die Kirchengemeinden, in denen die alten Hugenottengemeinden aufgingen, im Norden Deutschlands, aber auch in Franken, Sachsen und Baden-Württemberg ihrem reformierten Bekenntnis zumeist treu geblieben.

Sie gehören heutzutage entweder der landeskirchlichen Evangelisch-reformierten Kirche (Synode evangelisch-reformierter Gemeinden in Bayern und Nordwestdeutschland) oder dem freikirchlichen Bund Evangelisch-reformierter Gemeinden an.

Die Melodien des Hugenottenpsalters sind auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein fester Bestandteil der dortigen evangelisch-reformierten Gottesdienste.

Zahlreiche ehemalige Hugenottengemeinden aus den unterschiedlichsten Gliedkirchen der EKD sind heute zudem Mitglied im Reformierten Bund.

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